Den Geist neu ausrichten

Wie ich im Bericht vom 20. März mitteilte, haben wir uns in diesem ersten Jahr in Pullahari vor allem mit dem Thema der Entsagung oder Neuorientierung auseinandergesetzt. Traditionell wird dies häufig anhand der vier allgemeinen Vorbereitungen, die den Geist neu ausrichten, erklärt. In diesem Bericht möchte ich diese vier allgemeinen Vorbereitungen als Grundlage nehmen, um ein bisschen einen Einblick in unsere Studienzeit in Pullahari zu geben.

Zuerst wird darüber kontempliert, wie wertvoll diese menschliche Wiedergeburt ist:
Grosse Freude, Dankbarkeit und tiefe Wertschätzung erfüllte unsere Herzen, je mehr wir verstanden, was für ein unglaubliches Glück es ist, für zehn Wochen die Worte des Buddhas zu hören, über diese nachzudenken und damit zu meditieren und dies an einem so wundervollen, friedlichen Ort wie das Pullahari Kloster in Nepal. Nicht nur das, auch hatten wir dieses unglaubliche Glück Drupon Khenpo Lodro Namgyal als unseren Hauptlehrer zu haben – einen wirklich grossartigen, wahrhaftigen Lehrer, der intellektuelles Verständnis und buddhistische Praxis auf eine Art zu verbinden wusste, dass seine Worte nicht nur im Kopf sitzen blieben, sondern jeden von uns tief berühren konnte.
Wir drei Nonnen (Nangpel-la, Drölma-la und ich, 75% unserer Gemeinschaft…)- die einzigen Nonnen im Kurs- fanden es unglaublich hilfreich, dass wir dieses Programm gemeinsam besuchen und somit diese Erfahrung des Studierens, Diskutierens und gegenseitigen Unterstützens teilen konnten.
Dazu kommt, dass wir die Fähigkeiten von Körper und Geist zur Verfügung hatten, die uns befähigten, uns in solche Studien und in die Praxis zu vertiefen. Zu guter Letzt haben wir auch noch die Novizinnengelübde, die uns von vielen äusseren Ablenkungen fernhielten und uns somit sehr halfen, unseren Geist freud- und hingebungsvoll zu fokussieren.

In der zweiten allgemeinen Vorbereitung wird die Vergänglichkeit kontempliert:
Schon die Bauchgeschichten konnten uns darauf aufmerksam machen, wie fragil solch unterstützende Bedingungen sind und wie schnell der Geist und der Körper ausser Balance geraten können, sodass die Konzentration und das freudvolle Zuhören plötzlich nicht mehr so leicht möglich sind. Dies lässt die Alarmglocke klingen und den Wunsch jeden Tag mit guten Bedingungen voll und ganz auszukosten, da diese sich in jedem Moment verändern können. Krankheit und Tod; Leiden, von dem wir nicht davon rennen können, die eine Realität unseres menschlichen Daseins sind und von denen wir in jedem Moment überrascht werden können. Je mehr wir gewillt sind, uns jetzt mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen und einzusehen, dass wir im Zeitpunkt unseres Todes nichts, aber auch gar nichts von angesammelten Gütern, Freunden, Familien etc. mitnehmen können, desto mehr sind wir gewillt schon jetzt nicht so übermässig an Besitz und Menschen zu haften. Dies wiederum erlaubt dem Geist flexibler und offener zu sein, was uns glücklicher und zufriedener macht in jedem Moment. Versunken in diesen Gedanken und Kontemplationen, verstärkte sich für uns ein Gefühl der Gewissheit und tiefer Freude für diesen Weg.

In der dritten allgemeinen Vorbereitung, wird über die Handlungen und dessen Wirkungen nachgedacht:
Ursache und Wirkung begreifen und akzeptieren wir ganz leicht und ohne Diskussion, wenn wir uns die Natur anschauen. Pflanze ich einen Apfelsamen, wächst ein Apfelbaum, wenn alle günstigen Umstände vorhanden sind, jedoch wird von einem Apfelsamen nie einen Pflaumenbaum wachsen. Dies ist das Gesetz der Natur. Wenn wir dieses jedoch auf unsere Handlungen beziehen, haben wir gössere Mühen zu verstehen, dass auch diese ein Ursache-Wirkung Prinzip haben. Eine Handlung ausgeführt mit der Motivation von Mitgefühl, Weisheit und liebender Güte wird immer Freude bringen. Eine Handlung, die mit der Motivation von Aversion, Anhaftung und Ignoranz ausgeführt wird, führt garantiert zu leiden.Wir können dies in unserem Alltag selbst immer und immer wieder untersuchen. So musste ich einsehen, dass Eifersucht auf das „Leichte Lernen“ anderer nur zu mehr Leiden führt, jedoch die Freude an den Fortschritten anderer mich wahrlich beglücken konnte. Immer wieder von Neuem einzusehen, dass ich mir die Stolpersteine selbst in den Weg gelegt habe, und somit die Verantwortung für das Resultat selbst übernehmen muss, hilft nicht immer einen Schuldigen ausserhalb zu suchen. Diese Belehrungen über Handlung und ihre Wirkungen mehr detailliert zu hören, gab uns natürlich viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Das Bedürfnis wächst, den Geist mehr unter die Lupe zu nehmen und zu verstehen, warum man welche Handlung ausführt, warum dieses oder jenes Leiden immer und immer wieder auftaucht, warum man gewisse Dinge sagt und etwas genauer hinzugucken, welche Motivation(en) nun tatsächlich hinter einer Handlung mit Körper und Rede steckt/stecken. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, mit einem umherhüpfenden Geist wie dem meinen. Da wird offensichtlich, dass die Meditaionspraxis wie „Shine“(ruhiges Verweilen), in der man lernt den Geist ruhen zu lassen, wirklich nötig ist. Darum war es nicht von ungefähr, dass die 10 Tage Meditationsretreat nach dem Studienprogram „Shine“ zum Thema hatten…

In der vierten allgemeinen Vorbereitung wird die unbefriedigende Situation des Daseinskreislaufs gelehrt:
Immer wieder ist das so, obwohl wir alle Bedingung so wundervoll beisammenhaben, wir nun denken, dass wir von nun an einfach glücklich sein werden, kommt nur etwas ganz Kleines in die Quere wie zum Beispiel eine Bemerkung von einer Dharmaschwester, die uns irritiert- da sie überhaupt nicht in unser Konzept passt, oder Strom der aussteigt, in der Mitte unserer Email-Arbeit etc. sitzen wir schon wieder in der Mitte irgendwelcher verblendeten Emotionen die uns unseres Glücks berauben.
Deshalb, solange wir diese übertriebenen Erwartungen kultivieren, dass alles in dieser Welt genau so verlaufen sollte, wie wir es uns vorstellen, werden wir immer wieder Endtäuschung und Leiden erleben. Aus diesem Grund macht es Sinn, sich mehr nach innen zu richten und zuerst mal zu gucken, was wir denn alles so für Erwartungen haben und dann mal abzuchecken, ob diese Erwartungen auf irgendeine Weise realistisch sind. Mit dieser Untersuchung können wir mehr und mehr entdecken, dass wir uns ganz häufig in Gedanken und Konzepte verfahren und diese so fest und konkret machen, dass wir ganz aus den Wolken fallen, wenn diese sich verändern. Alles Anhaften, sei es an Familie, Besitz, Ideen, Position, Beruf etc, wird uns früher oder später leiden bringen. Jedoch heisst das nicht, dass wir nicht voller Freude sein können, wenn wir wundervolle Eltern haben, uns gut gekocht wird, wir von liebevollen Freundinnen und Freunden umsorgt werden. Jedoch ist es gut zu überprüfen, wie stark wir die Erwartung haben, dass dies ein unveränderlicher Zustand ist- spätestens wenn wir Reis und Dhal vor uns auf dem Teller haben, sehen wir wie fest wir an der Pizza von gestern anhaften…

Dies hier nur so einen kleinen Geschmack hauptsächlich aus meinen Kontemplationen inspiriert und durchtränkt von den Belehrungen von Drupon Khenpo Lodro Namgyal die selbst durchdrungen sind, mit all der Weisheit und Realisationen Buddhas und allen früheren Lamas.

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