Sei ein Kind der Illusion

Ganz im Jetzt präsent zu sein, kann uns mit der Qualität des Übungssatzes (aus dem Geistestraining)„Sei ein Kind der Illusion“ vertraut machen.
Eine inspirierende Geschichte dazu, aus dem Buch “Beginne wo du bist” von Pema Chödrön:

... Ein nordamerikanischer Indianer hatte den Namen Ishi, was in seiner Sprache „Person“ oder „Mensch“ heisst. Er ist ein gutes Beispiel dafür, was es bedeutet, ein Kind der Illusion zu sein. Ishi lebte Anfang dieses Jahrhunderts in Nordkalifornien. Sein ganzer Stamm war systematisch ausgerottet worden, gejagt wie Kojoten oder Wölfe. Ishi war der einzige Überlebende. Er hatte lange ganz allein gelebt. Niemand weiss genau warum, aber eines Tages tauchte er in der Dämmerung in Oroville, Kalifornien, auf. Da stand er nun, der nackte Mann. Die Leute zogen ihm schnell ein paar Kleider über und brachten ihn ins Gefängnis, bis das Büro für indianische Angelegenheiten ihnen mitteilte, was sie mit ihm tun sollten. Die Nachricht erschien auf den Titelseiten der Zeitungen in San Francisco, und so erfuhr ein Anthropologe namens Alfred Kroeber davon.
Ein Anthropologentraum war wahr geworden. Dieser Eingeborene hatte sein Leben in der Wildnis zugebracht, und man würde von ihm erfahren können, wie sein Stamm gelebt hatte. Ishi wurde mit der Eisenbahn nach San Francisco gebracht, in eine ihm völlig fremde Welt, wo er den Rest seines Lebens – anscheinend recht glücklich – verbrachte. Ishi schien vollkommen erwacht zu sein. Er war voll und ganz zu Hause in sich selbst und in der Welt, auch als sie sich fast von einem Moment auf den anderen auf dramatische Weise veränderte.
Als man ihn nach San Francisco brachte, war er zum Beispiel ganz beglückt, in Anzug und Schlips gekleidet worden zu sein, aber die Schuhe trug er in der Hand, weil er die Erde immer noch lieber direkt unter seinen Fusssohlen spüren wollte. Er hatte wie ein Steinzeitmensch gelebt und sich aus Angst, umgebracht zu werden, immer versteckt. Kurz nach seiner Ankunft in der Stadt wurde er zu einer offiziellen Dinnerparty mitgenommen. Ohne sich durch dieses ungewohnte Ritual verwirren zu lassen, sass er da und beobachtete alles, und dann ass er genauso wie die anderen. Er war ständig am Staunen, neugierig auf alles und anscheinend weder ängstlich noch vergrämt, sondern völlig offen.
Als Ishi nach San Francisco gebracht werden sollte und auf dem Bahnsteig stand, trat er, als der Zug kam, so schnell hinter einen Pfeiler, dass kaum jemand es mitbekam. Als die anderen es bemerkten, winkten sie ihn herbei und stiegen mit ihm in den Zug. Später erzählte Ishi Kroeber, dass er und die anderen Mitglieder seines Stammes beim Anblick eines Zuges ihr Leben lang geglaubt hatten, dies sei ein menschenfressender Dämon, weil er sich so unheimlich durch die Gegend schlängelt und Rauch und Feuer spuckte. Als Kroeber das hörte, fragte er ehrfürchtig: „Woher hast du den Must genommen, einfach in den Zug einzusteigen, der dir doch wie ein Dämon vorkam?“ Darauf antwortete Ishi ganz schlicht: „Mein Leben hat mich gelehrt, mehr neugierig als ängstlich zu sein.“ Sein Leben hat ihn gelehrt, was es heisst, ein Kind der Illusion zu sein.

Lasst uns Kinder der Illusion sein und uns mit grossem Staunen den auftauchenden Situationen und Erfahrungen zu öffnen, furchtlos und neugierig.

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