Erklärung des Gyalwang Karmapa, Ogyen Trinley Dorje

Bodhgaya, 6. Februar 2012

Es sind soeben Berichte aufgetaucht, dass sich drei weitere Tibeter in Osttibet an einem einzigen Tag in Brand gesetzt haben. Und dies kurz nachdem sich im Monat Jänner vier Tibeter selbst verbrannt hatten und andere bei Demonstrationen starben. Während die Spannungen sich zuspitzen, antworten die chinesischen Behörden mit vermehrter Gewalt und Unterdrückung, statt sich darum zu kümmern und zu versuchen, die Ursachen der Situation zu verstehen. Jeder neue Bericht über den Tod eines Tibeters bringt mir immensen Schmerz und Traurigkeit; drei an einem einzigen Tag ist mehr, als das Herz ertragen kann. Ich bete dafür, dass diese Opfer nicht vergeblich gewesen sind, sondern einen Wandel in der Politik, der unseren tibetischen Brüdern und Schwestern Erleichterung und Hilfe bringen wird, herbeiführen werden.

Es ist mir der Name Karmapa gegeben, und so gehöre ich zu einer 900 Jahre alten Reinkarnationslinie, die, wie die Geschichte zeigt, immer jedwedes politisches Engagement vermieden hat, eine Tradition, die zu ändern ich nicht die Absicht habe. Und doch fühle ich als Tibeter große Sympathie und Zuneigung für das tibetische Volk und ich habe große Bedenken, still zu bleiben, während sie solchen Schmerz erfahren. Ihr Wohlergehen ist meine größte Sorge.

Tibetische Demonstrationen und Selbstverbrennungen sind ein Symptom tiefer, aber nicht zur Kenntnis genommener Unzufriedenheit. Wenn den Tibetern echte Möglichkeit gegeben wäre, ihr Leben so zu führen, wie sie es wünschen und ihre Sprache, Religion und Kultur zu erhalten, dann würden sie weder demonstrieren noch ihr Leben opfern.

Seit 1959 standen wir Tibeter unvorstellbarem Verlust gegenüber, doch haben wir aus Not und Unglück Nutzen gezogen. Viele von uns haben unsere Identität als Tibeter wiederentdeckt. Wir haben unter den Volksteilen der drei Provinzen Tibets ein nationales Einheitsempfinden wiederentdeckt. Und wir gelangten dazu, einen vereinenden Führer - in der Person von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama - wertzuschätzen. Diese Faktoren haben uns allen eine weite Basis für Hoffnung gegeben.

China spricht davon, Tibet Entwicklung gebracht zu haben, und als ich noch in Tibet lebte, war es materiell gesehen behaglich. Wohlstand und Entwicklung haben jedoch den Tibetern hinsichtlich dessen, was sie als am wertvollsten betrachten, nicht genutzt. Materieller Komfort bedeutet wenig ohne innere Zufriedenheit. Die Tibeter leben mit dem ständigen Argwohn, dass sie gezwungen werden, gegen ihr Gewissen zu handeln und seine Heiligkeit den Dalai Lama zu denunzieren. Die chinesischen Autoritäten stellen Seine Heiligkeit ständig als den Feind dar. Sie haben die wiederholten Bemühungen, eine friedliche und ausgehandelte Lösung für das tibetisch-chinesische Problem zu finden, abgewiesen. Sie lehnen das von Herzen kommende Vertrauen und die Loyalität, mit welchen das tibetische Volk allseits Seine Heiligkeit betrachtet und hochschätzt, ab. Selbst Tibeter, die Jahrzehnte später, nachdem Seine Heiligkeit der Dalai Lama ins Exil gegangen ist, in Tibet geboren sind, betrachten ihn dennoch als ihren Führer und ihre Zuflucht nicht nur für dieses Leben, sondern für Leben auf Leben folgend. Es ist daher eine Kränkung und Beleidigung und nützt niemandem, wenn Seine Heiligkeit der Dalai Lama unausgesetzt in feindlichen Begriffen geschildert wird. Auf das Herz tibetischen Glaubens loszuschlagen schadet vielmehr jeder Aussicht, das Vertrauen der Tibeter zu gewinnen. Das ist weder effektiv noch weise.

Ich rufe die Behörden in Peking dazu auf, über die oberflächliche Tünche von Wohlergehen, wie sie von örtlichen Funktionären präsentiert wird, hinauszusehen. Das wirkliche menschliche Elend der Tibeter in Tibet anzuerkennen und volle Verantwortung zu übernehmen für das, was dort geschieht, würde eine weise Basis schaffen dafür, dass wechselseitiges Vertrauen zwischen den Tibetern und der chinesischen Regierung aufgebaut werden könnte. Anstatt es als eine Angelegenheit politischer Opposition zu betrachten, wäre es für die chinesischen Behörden viel effektiver, es als eine Sache grundlegenden menschlichen Wohlergehens zu behandeln.

In diesen schwierigen Zeiten mahne ich die Tibeter in Tibet eindringlich: Bleibt euch selbst treu, behaltet euren Gleichmut angesichts der Härten und bleibt auf die lange Sicht konzentriert. Behaltet immer im Gedächtnis, dass eure Leben großen Wert haben, als menschliche Wesen wie auch als Tibeter.

Mit der Aussicht des nahenden Tibetischen Neujahrs biete ich meine Gebete dar, dass die Tibeter, unsere chinesischen Brüder und Schwestern und unsere Freunde und Unterstützer überall in Indien und in aller Welt dauerhaftes Glück und wahren Frieden finden mögen. Möge das Neue Jahr eine Ära der Harmonie einleiten, gekennzeichnet von Achtung und Liebe füreinander und für die Erde, die unser gemeinsames Zuhause ist.

Ogyen Trinley Dorje,
17. Gyalwang Karmapa


deutsche Übersetzung: Sylvester Lohninger
www.maitreya.at

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