Ein ganzes Leben in einem Tag

Wenn wir am Abend über unseren vergangenen Tag reflektieren, ist es nicht ungewöhnlich, dass wir Mühe haben, uns an alles zu erinnern; Was haben wir gegessen? Wer hat uns telefoniert? Was habe ich am Morgen gemacht? Wie sind nur diese Stunden verschwunden?
Wenn wir dann genau hingucken, stellen wir fest, dass wir die meiste Zeit entweder in der Zukunft und in all den Tasks die noch vor uns liegen sind oder der Vergangenheit nachhängen, jedoch ganz selten ganz da- im jetzigen Moment- sind.
Wenn wir frühstücken, denken wir, was für eine Arbeit heute ansteht, wenn wir Arbeiten überlegen wir, was wir am Feierabend machen wollen und wenn wir zuhause ankommen fragen wir uns, was es wohl für ein Nachtessen gibt und wenn wir zu Bett gehen machen wir in unserem Kopf schon die Taskliste für den nächsten Tag- so rennen die Tage und Jahre dahin und plötzlich heisst es; nächster Task, sterben. Wie können wir unser Leben sinnvoll leben, wenn wir nicht einmal da sind, wenn unser Leben statt findet: im jetzigen Moment?

Gyalwang Karmapa gab in einer Unterweisung eine wunderbare Übung, um diesen Geist mehr in den jetzigen Moment zu bringen und somit unser Leben in jedem Moment sinnvoll zu gestalten:
Ein ganzes Leben in einem Tag leben.
Jede Morgen wenn wir aufwachen, können wir uns vorstellen, dass wir ein neues Leben beginnen. Wir verbinden uns mit dem freudvollen Gefühl, dass wir eine neue Chance haben ein ganzes Leben zu leben. Wir formulieren den starken Wunsch, dass wir ganz präsent sein und jeden Augenblick dieses Lebens nutzen wollen um mehr Frieden, Gleichmut, Liebe, Wohlwollen, Mitgefühl, Toleranz etc. in unserem Herzensgeist zu kultivieren.
Durch den Tag hindurch, brauchen wir Hilfsmittel zum „Aufwachen“, die uns erinnern, dass dieser Tag unser ganzes Leben ist und die uns helfen unseren Herzensgeist und unsere Handlungen wieder auszurichten und somit wieder in die Präsenz zu bringen und mit dem Gefühl zu verbinden, wie wir dieses Leben verbringen wollen.
Eine gute Hilfe können Post It Zettel sein, die wir an gut sichtbare Plätze kleben, mit Worten drauf die uns erinnern oder ein Bild neben dem Computer, oder ein Alarm im Mobile oder...
Am Abend, bevor wir zu Bett gehen reflektieren wir, wie wir dieses Leben gelebt haben. Wir freuen uns über jeden Moment in dem wir uns zurück in den Augenblick gebracht hatten und den wir sinnvoll genutzt haben, in Einklang mit unseren Wünschen. Wir lassen den Herzensgeist einen Moment ruhen in grosser Zufriedenheit. Dann überlegen wir, wann wir verloren waren in der Vergangenheit oder Zukunft und somit in diesem Leben die Chance verpassten, die heilsamen Qualitäten des Geistes zu kultivieren. Wir formulieren den starken Wunsch, dass falls wir wieder eine Chance bekommen ein Leben zu leben, wir werden diese Chance packen und uns verbessern. Wir lassen den Geist einen Moment in diesem Versprechen ruhen. Dann lassen wir alle Gedanken über Vergangenheit und Zukunft wieder los und stellen uns vor, dass wir sterben.
Eine Übung, die nicht den Sinn hat, uns Druck aufzusetzen oder deprimiert zu machen, jedoch eine Möglichkeit ist, das Potenzial unseres Lebens in jedem Augenblick voll und ganz auszuschöpfen, freudvoll und offen jedem Moment neu zu begegnen und ihn für das kultivieren der heilsamen Qualitäten zu nutzen.

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